Interview: Dermatologin Prof. Dr. Maria Gaiser

Maria Gaiser ist Professorin und passionierte Dermatologin an einer Universitätsklinik, neugierige Wissenschaftlerin und 3-fache Mutter. Neben Ihrer Arbeit als Oberärztin hat sie im Rahmen der Corona-Pandemie eine digitale Videosprechstunde „Gaiser to go“ und einen Blog Haut&Co aufgebaut. Beides findet Ihr auf ihrer Homepage maria-gaiser.de

Maria klärt in diesem Interview darüber auf, warum Reisen negative Auswirkungen auf die Hautgesundheit hat, worauf Menschen mit empfindlicher Haut bei der Wahl ihrer Pflegeprodukte achten sollten und warum zu häufiges Waschen schlecht für die Haut ist.

Prof. Dr. Maria Gaiser
Prof. Dr. Maria Gaiser
  1. Wenn wir über das Thema Hautgesundheit sprechen, welche Entwicklungen nimmst du bei deinen Patient*innen in den letzten Jahren wahr und warum ist das so?

Das allgemeine Reiseverhalten hat leider zu einem steilen Anstieg der Hautkrebsfälle geführt. Während die Menschen früher mit einem Urlaub in Allgäu zufrieden waren, waren es bis vor kurzem Fernreisen in Äquatornähe. Im Rahmen der Corona-Pandemie hat sich dieses Verhalten erfreulicherweise im positiven Sinne verändert. Wir werden sehen, ob sich dies in Zukunft ebenso positiv auf die Hautkrebsfälle auswirken wird.

Ein weiterer Punkt sind Solariumsbesuche. Der Besuch des Solariums gilt bei jungen Mädchen als Hauptrisikofaktor für den potentiell tödlichen schwarzen Hautkrebs. Dies halte ich für eine katastrophale Entwicklung. Die Altersbegrenzung wurde entsprechend inzwischen auf 18 Jahre hochgesetzt.

Ich muss an dieser Stelle schlicht und einfach sagen: Eine gesunde Bräune gibt es nicht! Braunsein ist immer als Hilferuf der Haut zu verstehen. Die Haut schützt bei übermäßiger UV-Belastung ihr Wertvollstes, nämlich ihren Zellkern, mit einem kleinen Pigmentkäppchen vor der zerstörerischen Wirkung der UV-Strahlung. Braunsein bedeutet also gewissermaßen: Hilfe, Du hast deine Hautzellen zu lange ungeschützt in der Sonne gelassen! 

  1. Für Haut- und Haarprodukte werden in Deutschland pro Jahr zirka 13 Mrd. Euro ausgegeben. Übertreiben wir es nicht vielleicht ein bisschen?

Ein ganz klares JA von meiner Seite. Dieses Thema treibt mich schon lange um. Weniger ist meist mehr. Von bis zu 7-stufigen Reinigungs/Pflegekonzepten namhafter Hersteller halte ich grundsätzlich sehr wenig. Das schadet Portemonnaie und der Haut. 

  1. Viele Menschen mit empfindlicher Haut landen am Ende bei Naturseife. Auch wir bekommen diese positiven Rückmeldungen von Kund*innen, die mit unseren Produkten sehr gute Ergebnisse erzielen. Gibt es dafür eine Erklärung? 

Dies liegt vermutlich zum einen am etwas milderen Verseifungsprozess der Naturseife. Hinzu kommt aber die Tatsache, dass Eure Seife im Allgemeinen wesentlich weniger Zusatzstoffe enthält als herkömmliche Seife. Je weniger Zusatzstoffe (z.B. Duftstoffe, Farb- oder Konservierungstoffe, Parabene, Silikone, etc.) desto besser für die Haut.

  1. Kannst du uns erklären, was es mit dem Säureschutzmantel und dem pH-Wert der Haut auf sich hat und was bei einem Waschvorgang damit passiert?

Unsere Haut ist ein phantastisches, schützenswertes Organ und schützt uns tagtäglich vor diversen Umwelteinflüssen. Dieser Schutz wird nicht nur durch den Säureschutzmantel erzielt. Auf unserer Haut sitzen tatsächlich Millionen von Bakterien und Pilzen. Eklig? Nein! Denn bei den meisten dieser Keime handelt es sich um wohlgesonnene „gute“ Keime. Diese Mischung an „guten“ Keimen wird auch als Hautmikrobiom bezeichnet. Das Hautmikrobiom bildet zusammen mit dem Säureschutzmantel eine natürliche Barriere gegen reizende und Allergie-auslösenden Substanzen und schützt uns vor dem Eindringen „böser“ Keime. 

Und genau hier fängt das Problem an: Mit unserer tagtäglichen, wohl gemeinten, häufig jedoch übertriebenen Hautpflege stören wir dieses hochspezialisierte Gleichgewicht auf unserer Haut. Jede Art von Seife, Detergens, Tensid, Reinigungsmittel löst Fette aus der Haut, die die Haut erst wieder mühsam aufbauen muss. Insofern stimmt die Aussage, dass jeder Waschgang schlecht ist für die Haut.

Gerade im Rahmen der Corona-bedingten Hygienemaßnahmen sehen wir einen rapiden Anstieg an Handekzemen, gerade auch bereits bei Kindergartenkindern. Ich empfehle hier eine dermatologisch geschulte Anleitung des Kindes zur konsequenten Hautpflege. Im Zweifel einmal weniger die Hände waschen und stattdessen desinfizieren. Die medizinisch validierten Desinfektionsmittel enthalten alle rückfettende Substanzen.

  1. Was empfiehlst du bei empfindlicher, schuppiger oder juckender Kopfhaut?

Hier lohnt tatsächlich die Konsultation eines Hautarztes/ einer Hautärztin. Manchmal steckt eine ernstere Erkrankung dahinter, die medikamentös behandelt werden muss. Häufig reicht jedoch bereits eine Umstellung der Haarpflegeprodukte aus. Ein einfaches Baby-Shampoo bewirkt oft schon Wunder.

  1. Gibt es kosmetische Inhaltsstoffe oder Pflegeroutinen, zu denen du rätst oder von denen du abrätst? 

Ich bin großer Fan der Säuglingsabteilung im Drogeriemarkt. In Deutschland werden Pflegeartikel für Säuglinge und Kinder sehr streng überwacht. Wer also unter empfindlicher Haut leidet, kann mit Produkten für Säuglinge/Kleinkinder eigentlich kaum etwas falsch machen. Gute Hautpflege sollte weder übermäßig schäumen noch extrem duften oder glitzern sondern einfach nur reinigen.

Was ich definitiv nicht empfehle sind Peelings, zumindest nicht für den regelmäßigen Gebrauch. Eine Hautreinigung mit einem ph-neutralem Waschgel und anschließendes Abtrocknen mit einem gröberen Frottee-Handtuch wirken oft genauso gut.

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